TEXTUR - STRUKTUR

Rede zur Ausstellung von Anita Lernet am 29.10.1998 in Bi-Pi’s Galerie Köln
Prof. Dr. Frank Günter Zehnder, Direktor des Rheinischen Landesmuseums Bonn

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Frau Lernet,

Als Betrachter vieler Ausstellungen, bemerke sofort eine sehr andere Materialwelt, als ich das normalerweise gewohnt bin. Es ist eine Kunststoffwelt. Acryl, Ihr bevorzugtes Mal- und Trägermaterial ist ein Kunststoff. Wenn man wahrnimmt, was auf dem Kunststoff lagert, also das Bild oder das Objekt im Kunststoff, dann ist es eine Welt voller neuer Ideen. Das heißt: Die Materialwelt ist eine Kunststoffwelt, Ihre Ideenwelt ist die Kunstwelt.

Nicht nur eine Wortspielerei, ich denke, da stecken auch deutlichen Wertungen drin. Es ist auffallend, daß Farbe und Träger aus dem gleichen Material sind und deshalb eine Materialidentität herstellen. Dieser tradierte Begriff der Werkgerechtigkeit kommt hier wieder ins Gespräch. 

Ein anderer Aspekt ist für mich die Betrachtung der Zusammenführung des Materials. Farbe ist, zum Teil aus einem sehr heftigen Malprozeß heraus aufgetragen, zum Stillstand gekommen. Die Acrylglaskuben „Intrada“ haben eine dichte Oberfläche und trotzdem bewegt man sich mit den Augen durch alle diese Schichten. Diese Kuben haben etwas außerordentlich Kristallines, Diamantcharakter. Ganz besonders bei den Texturen in den Kuben bewegt man sich von einer Scheibe zur andern und versucht, die Texte noch separiert zu lesen. Das ist sehr kompliziert, aber auch  beabsichtigt. Es sind Texte aus der Bibel, aus Kochbüchern, der Philosophie des 20. Jahrhunderts und Texte über die Liebe. Es ist sozusagen eine Essenz aus unserer Kultur. Am Ende kommt es darauf an, welche Kunstform es ergibt und nicht, ab das Ganze noch inhaltlich bis in die letzte Schicht lesbar ist. Es ist vorhanden, das ist das Entscheidende. Es ist Poesie. Ob wir sie entschlüsseln können, das ist eine zweite Frage. Wer entschlüsselt schon Bilder?

Die Mehrfachschichtungen der Acrylobjekte führen zu drei Verhaltensweisen des Betrachters. Zum ersten: Man steigt hindurch, nimmt das erste Bild wahr - bei den Intermezzo-Bildern ist das deutlich - dann, in der Zwischenschicht orientiert man sich neu und versucht, Plätze zu finden, auf die man treten kann, ohne ins Loch , auf die Wand zu fallen, sondern noch Farbe betritt. Dieses Durchsteigen ist etwas außerordentlich Aktives, das den Betrachter am Bild teilnehmen läßt. Dies führt zweitens zu einer Zusammensicht, dem Kombinieren der unterschiedlichen Zonen/Scheiben zu einem Bild. Und der dritte Effekt dieser Schichtung in Ihren Bildern ist eine Art Syntax. Wie Sätze eine Grammatik und eine Syntax brauchen, fügt auch hier dieses Prinzip die verschiedenen Bildebenen zu einer neuen Dimension zusammen.

Das Ganze ist formal sowohl ein sehr interessantes Spiel als auch ein Rätsel. So richtig wie auch so unscharf, wenn man es benutzt. Man erkennt genau was Sie gemacht haben, wo Sie es gemacht haben und trotzdem spielt sich zwischen diesem Begreifbaren, Anfaßbaren eine Menge Geheimnisse und Rätsel ab. Gleichzeitig ist es auch irgendwo ein Baukasten. Da sind ganz nüchtern, pragmatisch Dinge separat entwickelt, zusammengefügt zu etwas ganz Neuem. Die Arbeiten gehen aus der Fläche heraus in die dritte Dimension.

Ich stelle fest, daß bei Ihnen ganz neue Bildformen entwickelt werden, Bildformen, die sich aber anlehnen an Traditionen , die das Dyptychon. Das sind seit dem Mittelalter entwickelte und probate Bildelemente, Bildträgerformen, die ein bestimmtes Pathos transportieren, das Pathos von Hoheit, Würde, Mystik, von einer Hierarchie. Gerade Dyptichen, die früher immer links der Mutter Gottes und rechts Christus vorbehalten waren, oder aber in der Renaissance, links dem Welt-, dem profanen Bild, auf der rechten Seite der Metapher für Göttlichkeit. Und dem entsprechen Sie, indem Sie das Linke nennen „Gottgemacht“ und das Rechte „Handgemacht“. Hier wird auf der linken Seite durch das Leuchten der mystische Charakter deutlicher als auf der rechten, wo das Rationale, das Spielerische, das Pragmatische und Offene einen ganz anderen Charakter vermittelt. Insofern glaube ich, daß bei Ihnen diese alten Traditionen nicht historisch weggepackt, sondern auf eine ganz neue, interessante Art und Weise belebt werden.

Die TEXTBLUT-Bilder bestehen aus Schreiben, aus Malen, bestehen aus Buchstabieren und auch aus dem optischen Genuß, sich in diese Farbwelten hineinzulesen. Wortgebilde als bildgewordene kunstvolle Literatur. Es erinnert mich an Arno Schmidt Literatur, an Artmann Literatur, also sehr kunstvolle inventive Literatur, wo es darum geht, jeden Satz anders zu machen, als man ihn gewöhnlich spricht. Dieses Artifizielle spüre ich auch in diesen Texten und diesen Arbeiten. Das ist immer ein Rhythmus, der das Bild durchzieht und er hat eine Systematik. Alles was mit Sprache, Wortgebilden, Buchstaben zu tun hat, ist eine Systematikvereinbarung, die wir unter uns Menschen getroffen haben und darauf beruht auch Ihre Kunst. Dem entgegen steht die Dynamik und künstlerische Invention, aus der Sie solche Bilder schaffen.

Was bezweckt Anita Lernet mit ihren Bildern?

Ich will versuchen, das in vier, fünf Sinnzusammenhängen zu erschließen. Zunächst einmal ist es die Aussage, daß Bilder aus der Ideenwelt kommen und real werden. Sie also einen Prozeß vom Abstrakten zum Konkreten durchgehen, und daß jedes Bild einen anderen Agregatzustand dieses Prozesses von Denken, Fühlen hin zum real Anfaßbaren erfährt.

Ihre Bilder, auch wenn sie noch so bekannt zu sein scheinen, wie etwa diese Papierschiffchen, bergen ein Geheimnis. Dieses Geheimnis gibt das Bild nicht preis, man muß sich damit im Vergleich auseinandersetzen. Dann erschließt sich plötzlich die rechte und die linke Seite. Und so geht es in vielen Bildern, auch in den Landschaften. Irgendwo fängt man an, sie systematisch zu lesen und versucht, dieses Rätselhafte, Geheimnissvolle zu erschließen. Bilder, die ohne Geheimnisse sind, sind keine. Das ist auch eine Qualität dieser Kunst. Die Lust, etwas zu entziffern, was Sie schreiben, spielt eine große Beteiligungsrolle für den Betrachter. Daß Sie wirklich die kognitive, verstandesmäßige Teilnahme  der Analyse und der Identifikation von Bildaussagen über das Affektive setzen, obwohl Sie sicherlich mit Emotionen bei der Arbeit sind, das zeigt schon allein die Dynamik, die man ablesen kann.

Deutlich wird auch in allen Ihren Arbeiten, daß Sie statische, kunsthistorische Begriffe übernehmen und in eine neue Bewegung bringen. Ihre Kunst weißt einen sehr experimentellen Charakter auf. Im Versuchsfeld wird ertastet, was Bildträgern, Farbe und auch sich selber alles an Ideenumsetzung zuzumuten ist. Die Ergebnisse sind hochinteressant.

Schlußsatz: Ihre Kunst ist eine Mischung aus Invention, im hohen Grad aus Intention, aus Illusion, aus Kontemplation und aus Konkretion, etwas das man wirklich am Ende anfassen und sagen kann: Das ist doch..., aber es ist vielleicht doch...(?)

Prof. Dr. Frank Günter Zehnder  <<<